Vor Ruinen
May 1849 - Adolf Böttger

Glorreicher Anblick, wo aus der Zerstörung,
Wo über Tempelschutt und Säulenknauf,
Gestürzt vom Sturm der Zeit und der Empörung
Das Leben blüht im vollsten Zauber auf,
Wo aus dem Moder grüne Halme schießen
Und aus Ruinen junge Rosen sprießen.
Gleich jenen Trümmern liegt auch das Geschlecht,
Das drin gelebt, geliebelt und gezecht;
Doch starb der Mensch auch, blieb die Menschheit doch,
Sie grünt auf ihrer Eltern Gräbern noch
Als ein ermahnend Denkmal künftger Zeit,
Daß Alles der Vergänglichkeit gewecht.

Wo ihre Väter modern, auf dem Schaft
Der moos’gen Säule sitzt in schönster Kraft
Die junge Mutter jetzt, und herzt und hält
An ihrer Brust den größten Schatz der Welt.
Sie säugt und stillt des Kindes lautes Schrein
Und wiegt mit Schlummerliedern sanft es ein;
Erkennt mit Lächeln dann in jedem Zug,
Daß ihres Vaters Antlitz schon ihn trug;
So fühlt im Herzen sie der Mutter Recht,
Den größten Stolz vom weiblichen Geschlecht.

Und Er — der jetzt in ihrem Schoße liegt,
Voll Lebensluft sich schlummernd an sie schmiegt,
Was wird aus ihm? — Erblickt ihr Auge noch,
Wie er geläutert aus der Leiden Joch
Als Held, als Dichter, tatenkräft’ger Mann
Sich kühn emporschwingt, wie’s ihr Träumen sann?
Wie er die Muttersorgen ihr belohnt,
Vor jedem bittern Leid ihr Alter schont?
O eitles Fragen ! — Sieh die Rose hier,
Sie schlingt sich dankbar um den Knauf als Zier,
Ob auch die Säule selbst vom Sturm zerschmettert
In Trümmern liegt, zerbröckelt und verwettert;
Es blüht im Ruhm des Sohnes dankdurchlodert
Der Mutter Lohn, wenn lang ihr Herz vermodert.