Traum
May 1849 - Adolf Böttger

Jüngst hielt ein wunderlieblich’ Traumgesicht
Mit stillem Ernst die Seele mir umsponnen,
Ich schalt erwacht das helle Tageslicht,
Vor dem so rasch der süße Traum zerronnen.

Geführt ward ich in einen Säulengang,
Wo sich Girlanden um die Pfeiler schlangen,
Wo Wohlgeruch den hohen Raum durchdrang,
Und Vögel Lieder ew’gen Ruhmes sangen.

Auf hohen Stufen saß ein ernster Greis,
Schlicht wie sein Kleid und fromm wie seine Mimen,
Ihm scholl der Jubel, ihm des Tages Preis.
Ihm suchten Männer rings und Frau’n zu dienen.

In gold’nen Schalen reichten Jene Wein
Und Früchte dar in silbernen Geschirren,
Hier brachten ihm der Sklaven bunte Reih’n
Der Wünsche Weihrauch und des Segens Myrrhen.

Und freundlich lächelnd nahm der Greis es hin,
Dank auf der Lippe, Tränen auf der Wange,
Ihm schmolz das Herz von diesem Liebessinn,
Und sein Gefühl verhaucht im Harfenklange.

Ein Knabe nur lag anteillos am Thron,
Sein Auge schwelgt in himmelblauen Fernen,
Er hörte wohl des Festes Liederton,
Doch seine Seele spielte mit den Sternen.

Als eine tiefe Pause ward im Saal,
Da sprang er rasch empor und zu dem Alten:
„Herr! der Du mich gesegnet tausendmal,
Der Du zur Weisheit streng mich angehalten —

Ich habe nicht, womit ich dieses Fest,
Das schönste, weile Dich feiert, kann begrüßen -
Nimm Alles, meiner Güter ganzen Rest“ —
Und eine Rose legt er ihm zu Füßen.

Der Alte drauf — da schwand der holde Traum,
Und einsam fand ich mich auf meinem Lager,
Und auf mich nieder sah im engen Raum
Die kalte Wirklichkeit so blass und hager.