Erneuerung
May 1849 - Friedrich Martin Bodenstedt

Nach langen, schweren Winterträumen
Die mich bedrückt wie Schnee und Eis die Flur,
Froh wandl' ich wieder unter Blütenbäumen
Und fühle mich erneut wie die Natur.
Wohl bringt sie mir nicht wieder was sie raubte,
Wie diesem Wald, dem sie mit rauher Hand
Das Kleid vom Leib, die Krone riß vom Haupte,
Daß er im Eissturm nackt und zitterud stand,
Und ihn mm schöner schmückte als zuvor: -
Verloren bleibt, was ich durch sie verlor,
Auf immer, doch nach Anßen nur: im Innern
Ließ Alles mir ein leuchtendes Erinnern
Was Schönes mir auf rauhem Pfad begegnet,
Und jede gute Stunde ward gesegnet.

Ach, wohl gab’s meist der bösen Stunden mehr!
Denn früh schon traf des Lebens Fluch mich schwer,
Und grauenvoll Erinnerungen blieben
Zurück, die oft mich bis zum Wahnsinn trieben.
Doch wie ein Wandrer im Gebirg vom Rand
Des Abgrunds der ihm wild zu Füßen klafft,
Entsetzt sich abkehrt und mit letzter Kraft
Emporklimmt au der steilen Felsenwand,
Um nicht mit dem zerbröckelnden Gerölle
Hinabzustürzen in des Abgrunds Hölle:
So sucht' ich mich dem Unheil zu entwinden
Und zu den Höh’n des Lichts die Bahn zu finden.
Ein sonniger Maientag im Blütenhage
Verklärt selbst die Erinnrung trüber Tage,
Und nur bewährte Liebe beut hienieden
Noch schönern Trost als heiliger Waldesfrieden.

Wenn’s knistert, summt und singt in Baum und Strauch,
Die Brust sich hebt bei frischem Blütenhauch,
Zu Häupten Fink und Amsel, und zu Füßen
Die Blumen mich wie alte Freunde grüßen,
Die Sonnenstrahlen durch das helle Grün
Gedämpft wie durch bemalte Scheiben glühn,
Und wo sie frei durch lichte Räume dringen,
Wie Elfen über Busch und Rasen springen:
Dann ist’s als ob zu einem Fest im Haine
Sich aller Zauber der Natur vereine,
Befreit von Allem was sie Schlimmes beut,
Und voll von Allem was das Herz erfreut:
Licht taucht in Schatten, Schatten taucht in Licht,
Doch jener trübt und dieses blendet nicht,
Als ob im goldig grünen Zaubernetze
Versöhnt sich lösten alle Gegensätze.

Ich weiß, es ist nur Täuschung, flücht’ger Schein,
Wie jenes Gold im blauen Himmelsgrunde
Doch holde Täuschung ist das höchste Sein,
Die reinste Blüte jeder guten Stunde.