Beobachtung
May 1849 - Friedrich Martin Bodenstedt

Seh' ich das wüste Treiben dieser Tage,
Wo alles Höchste auf den Kopf gestellt,
Und auf der Zeitgunst trügerischer Wage
Rasch die Verblendung steigt, die Wahrheit fällt,
So schüttl' ich traurig oft das Haupt und frage:
Giebt’s wirklich einen Fortschritt in der Welt?
Nicht solchen mein' ich, der durch Draht und Schienen
Die Zeit abkürzt, gemeinem Zweck zu dienen.

Jahrtausende vergeh’n eh' sich gestaltet
Was dunkel keimt und webt im Volksgemüthe;
Nur langsam wird’s empor zum Licht entfaltet,
Und kaum erreicht es seine höchste Blüte,
So gilt es schon den Spöttern als veraltet;
Bald herrschen, wo das reinste Feuer glühte,
Gedanken aus zersetzendem Gehirne,
Kalt und unfruchtbar wie das Eis der Firne.

Ehrwürd’ge Heiligthümer stürmt man nieder —
Als wechsle mit der Hülle auch das Wesen —
Um nach Jahrtausenden mühselig wieder
Die weit zerstreuten Trümmer aufzulesen;
Des einst lebendigen Leib’s zerstörte Glieder,
Sie werden nimmermehr was sie gewesen,
Doch selbst die Trümmer dienen noch als Zeugen
Von einem Geist, werth, sich davor zu beugen.

Wo ist das Neue, und wo sind die Neu’rer,
Die Bess’res boten, als was sie zerstörten
Im Reich der Kunst, und — was dem Volk noch theurer —
Im Reich des Glaubens? — Wehe den Bethörten,
Die urtheilslos dem philosoph’schen Steu’rer
Sich anvertrau’n, weil sie ihn rühmen hörten
Als großen Geist, des; wundersames Grübeln
Die Welt erlöst von allen Glaubensübeln!

“Aus Nichts in Nichts, aus Nacht in Finsterniß”,
Das ist der Weisheit Schluß, seit man im Tempel
Den Vorhang und damit sich selbst zerriß.
Zerrissenheit' galt nun als Weisheitsstempel
Und nur das Ungewisse als gewiß —
Den Gläubigen ein warnendes Exempel:
Der Neu’rer äußerste Beflissenheit
Bringt’s bis zu innerster Zerrissenheit!

Nun denkt Euch unsre Philosophen selber,
Versuchte man sie ganz so zu entkleiden
Wie sie den Glauben! Würden sie nicht gelber
Vor Zorn, so nackt der Menschen Blick zu weiden,
Als Israels verpönte goldne Kälber?
Sie würden Widder um ihr Vließ beneiden,
Denn selbst die Kinder würden auf den Straßen
Mit ihnen, wie sie mit dem Glauben, spaßen.

Kein schlimm’res kenn' ich unter allen Uebeln
Der unfruchtbaren Büchermacherei,
Als wenn unschöpferische Geister grübeln
Und lösen alten unverdauten Brei
Sophistisch auf in neuen Wasserkübeln
Als neu’sten Fund — uneingedenk dabei
Des Spruchs, daß zwar durch Wasser hohl der Stein wird,
Doch durch Sophismen Wasser nicht zu Wein wird.